Die
Geschichte der Menschheit
in 90 Minuten
Spielzeit
2010/2011

Pressereaktionen
Der
Standard
Rad,
Mondlandung, Facebook
von Margarete Affenzeller, 20. März 2011
Raoul Biltgens
"Geschichte der Menschheit" im TAG
Wien - Theaterabende, die sich inhaltlich zu Uferlosigkeit bekennen
- etwa Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt -,
haben schon von vornherein Reservejoker: Das Publikum bringt viel
Nachsicht für das massige Unterfangen mit, und langweilig wird
es aufgrund der anlassgebundenen hohen Betriebstemperatur sowie
der Dramaturgie einer Aneinanderreihung von Höhepunkten auch
nicht. So verhält es sich auch bei Raoul Biltgens Stück
Die Geschichte der Menschheit in 90 Minuten, das von der Gruppe
Plaisiranstalt nun im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG)
erstaufgeführt wurde.
Sven Kaschte,
Giuseppe Rizzo und Petra Strasser schlängeln sich unter Zuhilfenahme
kleiner kostümtechnischer Nuancierungen durch 5000 Jahre Menschheitsgeschichte.
Allein das Aufstellen der Hemdkrägen katapultiert sie Jahrhunderte
zurück. Biltgen, der einst von Hans Gratzer am Wiener Schauspielhaus
als Dramatiker vorgestellte Luxemburger, heute in Wien wohnhaft,
arrangierte klug gewählte und durchwegs verklausuliert geschriebene
Kurz- und Kürzestszenen historischer Begegnungen in loser Folge.
In Paola Aguileras dynamischer Inszenierung rekapitulieren sie die
Menschheitsgeschichte als eine Kette von Verweisen.
Aus Rad wird
Töpferscheibe, aus Marie Curie beim Friseur wird Mona Lisa
von da Vinci. Robert Schumann trifft Richard Wagner, Hitler auf
einen Akademieprofessor; auf Eva Braun folgt der Schüleramok.
Man versteht historische Begebenheiten in Kombination mit neuen
Kontexten anders zu deuten. Etwa wenn sich Arminius über das
Sprachengewirr in der Ewigen Stadt Rom aufregt: "Unsere Wälder
sollen bitte schön unsere Wälder bleiben." Man sollte
diesen Theaterabend als ein Spiel begreifen, als Rätsel- und
Gedankenspiel, ohne Dringlichkeit. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD
- Printausgabe, 21. März 2011)
Kurier
90 Minuten karikierte Geschichte
Artikel vom 21.03.2011 08:00 | KURIER.at | Stephanie Doms
Im Theater an der Gumpendorfer Straße ist "Die Geschichte
der Menschheit in 90 Minuten" in ein mehr als nur passables
Bühnenstück verpackt.
Marie
Curie sitzt beim Frisör und klagt der Frisöse ihr Leid.
Die Haare gehen ihr aus. Vermutlich wegen ihrer Arbeit und dem Radioaktivitätszeug,
über dessen Auswirkungen keiner so wirklich Bescheid weiß.
Was man denn mit den Haaren machen könne? Welche Frisur die
beginnende Glatze vertuschen könne?
Szenenwechsel.
Kokoschka ist fertig mit den Nerven. Er macht sich Vorwürfe
und sucht die Schuld am Grauen des Geschehens bei sich. Alles wäre
vermutlich ganz anders gekommen, wäre nicht er sondern Adolf
Hitler an der Kunstakademie aufgenommen worden. Doch ein Freund
beruhigt ihn. "Heil Kokoschka" hätte sich auch nicht
besser angehört.
Szenenwechsel.
Eva und die Schlange sitzen unter dem Apfelbaum. Aus reiner Langeweile
scheint die Schlange Eva überreden zu wollen, von dem leckeren,
roten Apfel zu kosten, der da über ihnen im Baum hängt.
Verständlich, eigentlich. Ist doch ziemlich fad im Paradies,
so ganz ohne Lust und Sünde.
Die Geschichte der Menschheit
Geschafft: Philipp Reis demonstriert die Funktionstüchtigkeit
seines Telefons.Was das ganze soll? Dies, liebes Publikum, ist Geschichte.
Und zwar jene der Menschheit.
Was wir an Eindrucksvollem und weniger Grandiosem erreicht haben,
zieht in Raoul Biltgens Stück "Die Geschichte der Menscheit
in 90 Minuten" in relativ kurzer Zeit an uns vorbei in einer
achronologischen Abfolge einzelner Szenen. Die Plaisiranstalt, die
nach "Phalli" nun mit einer weiteren Produktion im TAG
zu sehen ist, überraschte bei der Uraufführung am Samstag
mit einer ungewohnten Inszenierung von Regisseurin Paola Aguilera.
Diese kommt wie ein Stegreiftheater daher. Stellenweise ist man
sich nicht sicher, ob die Texthänger echt sind oder zum Stück
gehören. Beachtlich sind die Leistungen des Schauspielertrios
aber in jedem Fall: Petra Strasser, Sven Kaschte und Giuseppe Rizzo
wechseln rasend schnell zwischen unzähligen Charakteren und
verleihen historischen Figuren karikierte Gesichter. Da kommt Kleopatra
als Domina daher, die den willenlosen Cäsar verführt,
und Jesus ist ein nicht ganz zurechnungsfähiger Typ mit Kapuzenpulli
und Visionen, der das Auspeitschen gelassen sieht ("Das gehört
dazu.").
Fazit: Am Ende löchrig
Martin Luther erklärt seinen Eltern, dass er ins Kloster gehen
wird.Am Anfang fragt man sich noch: Wie soll das gehen, die Geschichte
in 90 Minuten? Da jagen sich die Ereignisse (und die Lacher) und
die Schauspieler überschlagen sich beinah, scheinen kaum mitzukommen
bei der enormen Geschwindigkeit des Zeitverlaufs und sind hin und
her gerissen, wer den Anstoß zur nächsten Anekdote liefern
darf. Dass man als Zuseher nach nur wenigen Sekunden sofort weiß,
was der Hintergrund der knappen Szene ist, zeugt von der Pointiertheit
der Darbietung (mehr als nur solide Allgemeinbildung freilich vorausgesetzt).
Kurzweilig und amüsant.
Gegen
Ende hin allerdings wird das Stück löchrig, bis in den
letzten Sekunden nur mehr ein Schlagabtausch einzelner Stichworte
auf der Bühne stattfindet. Dass dies eine tiefere Bedeutung
hat, die sich jedoch nicht gleich erschließt, ist nicht ausgeschlossen.
Auf den ersten Blick jedoch ist das letzte Viertel inhaltsarm. Schade,
denn das schmälert den Charme und entlässt das Publikum
mit dem nicht ganz befriedigenden Gefühl, ein nur passables
Stück gesehen zu haben. Was diesem jedoch - gesamt gesehen
- definitiv nicht gerecht wird.

|